Philosophie Teil 1

Ich sehe behinderte Kinder häufig überfordert - und noch häufiger unterschätzt. Wir überfordern sie mit unseren Vorstellungen von normal, und unterschätzen sie gleichzeitig bezüglich ihrer individuellen Fähigkeiten und Interessen.

Wir helfen zu viel (weil wir ein gutes Herz haben oder schwache Nerven?) und vermitteln ihnen damit den Eindruck "Das kannst du nicht". Wir versuchen, sie vor negativen Erfahrungen zu behüten, uns selbst vor dem Vorwurf zu schützen "Du hast nicht richtig acht gegeben" - und nehmen ihnen den Raum, ihren eigenen Interessen entsprechende Erfahrungen zu machen.

So trauen sie sich selbst nichts zu, übernehmen unsere Furcht vor Misserfolgen, verweigern die Auseinandersetzungen mit schwierigen Aufgaben. Dieses Vermeidungsverhalten steht einem Erfolgserlebnis im Weg.

Ich traue dem Kind zunächst oft mehr zu, als es sich selbst. Mit jeder Erfahrung, dass es die Aufgaben, die ich ihm zu lösen zutraue, tatsächlich lösen kann, wachsen sowohl sein Selbstvertrauen als auch das Vertrauen in mich und damit seine Bereitschaft, sich auf meine „Ideen“ einzulassen.

Auf dieser Beziehungsgrundlage kann ich dem Kind einen größtmöglichen Freiraum zum Machen eigener Erfahrungen lassen - und sage ganz ehrlich, dass ich dabei gewisse Risiken in Kauf nehme:
Wassergräben können nasse Füße bedeuten, das Verlassen befestigter Wege birgt viele Stolperfallen, das Erlernen des richtigen Umgangs mit einem Messer setzt einen gewissen Vorrat an Wundpflaster voraus…Verluste materieller Art (Geschirr u.a.) gehören ebenso dazu wie befremdete oder vorwurfsvolle Blicke Dritter.

Klare Grenzen und genaues Beobachten und Abschätzen der Situation ermöglichen mir ein effektives Eingreifen falls nötig. Meine „pädagogische Distanz“ zum Kind macht „peinliche“ Situationen erträglich.

Philosophie Teil 2

"Kinder lernen aus den Folgen" …
aber nur dann, wenn sie Ursache und Wirkung auch im Zusammenhang erfassen und die Ursache beeinflussen können.

Mache ich ein Kind, das damit noch überfordert ist, für sein Verhalten verantwortlich, bezieht es frustrierende Konsequenzen nicht auf sein Verhalten, sondern auf seine Person. Sein Selbstwertgefühl wird angegriffen, es entwickelt Versagensängste.

Wenn ich "bestimme", was gemacht wird (was stimmt), übernehme ich dafür die Verantwortung, quasi die Pflicht, "schuld" zu sein.

Das Kind erfährt für sein Verhalten Konsequenzen, trägt aber zunächst nicht die Verantwortung.

Übernehme ich die Verantwortung für die Situation, richtet sich der Focus seiner Frustration auf mich - es reagiert mit Aggression und Ablehnung mir gegenüber. Das heißt, es richtet seine Gefühle nach außen, wo es sie ansehen und damit umgehen kann. Letztlich kann es Misserfolge gelassener nehmen und sich entspannter auf neue Herausforderungen einlassen. Dafür bin ich da.

Auf dieser Grundlage entsteht eine Beziehung, ein Rahmen, in dem das Kind frei von Verantwortung / Schuld sozusagen "unschuldig" und neugierig sich und seine Umwelt erfahren, ausprobieren, erleben und begreifen kann.

Es lernt, Zusammenhänge zu verstehen - und kann in dem Maße, wie es diese nachvollziehen kann, zunehmend selbst die Verantwortung für sein Verhalten übernehmen - sich selbst bestimmen.



Was uns im Leben am meisten Not tut ist ein Mensch, der uns zu dem zwingt, was wir können.

Ralph Waldo Emerson